Gabriel Berger |
trafo Verlag Berlin |
[= Autobiographien, Bd. 29], 2008, Tb, 358 S., ISBN 978-3-89626-802-0, 17,80 EUR
Der letzte Weg
Zitternd vor Angst wachte ich
auf und starrte in die Dunkelheit. Ich war allein. In der leeren, fensterlosen
Zelle versickerten meine Hilferufe ungehört. Die Stille schmerzte in meinen
Ohren. Ich konnte hier verhungern oder verfaulen, niemand würde es je erfahren.
Von Panik ergriffen schaute ich mich um, in der finstersten Dunkelheit, die
meine Augen je erblickt hatten. Der Angstschrei erstarb in meiner Kehle. Auf
eine Falle lauernd kroch ich schweißgebadet auf dem weichen Fußboden, bis mein
Kopf auf die gepolsterte Wand der Gummizelle stieß. Dann kroch ich auf Knien
weiter entlang der Wand, so als würde ich in der Finsternis nach einem
verborgenen Schlüpfloch aus dem Käfig suchen. Vergebens. Doch plötzlich geschah
das rettende Wunder. Ich erblickte einen schwachen Lichtschein unter der Tür und
klammerte mich an ihn, wie ein Ertrinkender an einen Balken, mit einer
Dankbarkeit von nie gekannter Heftigkeit, bewies er doch, dass ich nicht
lebendig begraben war, dass es außerhalb dieser Gruft noch eine Welt gab, mit
Menschen, gleichgültig wer sie waren, mochten sie auch meine Feinde sein. Und
doch waren sie Menschen, deren bloße Anwesenheit meine Hoffnung weckte, nicht in
der Einsamkeit dieses Kellerlochs verrecken zu müssen.
Ich schlug mit der Faust gegen die weich gepolsterte Tür, die Klappe ging auf,
in ihr erschien ein Männergesicht. »Was gibt’s?« »Ich muss mal austreten.« »Groß
oder klein?« »Klein.« Die Klappe ging zu. Mit lautem, metallischem Klappern der
Verriegelung ging die Tür auf. Vor der Zelle standen drei streng blickende
Uniformierte. Wortlos zeigten sie auf einen mit Wasser gefüllten Kübel. Ich zog
die Hose und die Unterhose herunter und kniete vor ihnen nieder, um den Kübel
treffen zu können. Ich brachte keinen Tropfen heraus. Ein Krampf schnürte mir
den Blasenausgang zu. Die Drei standen breitbeinig vor mir und starrten mich
pausenlos an. Vergeblich kämpfte ich mit der vollen Blase. Ungeduldig
klapperten sie mit Schlüsseln. »Na wird’s bald!« Es schien eine Ewigkeit zu
sein, die ich so vor ihnen verbrachte, entblößt, in einer Lähmung erstarrt.
Ein schriller Klingelton beendete meine Pein. Ich schreckte auf und öffnete die
Augen. Greller Lichtschein drang am Vorhang vorbei in das Schlafzimmer meiner
Westberliner Wohnung. Genüsslich ließ ich den Wecker eine Weile läuten, bevor
ich ihn ausstellte, überglücklich aus dem Albtraum geweckt worden zu sein.
Der auf dem Fußboden liegende Beerdigungskranz erinnerte mich an das heute
bevorstehende Ereignis. Die Zeit war knapp. Im Eiltempo erledigte ich meine
Morgentoilette, band mir auf ein weißes Hemd einen schwarzen Schlips um, zog
schwarze Socken, den schwarzen Anzug und Schuhe an, verschlang ein
Marmeladebrot, das ich mit einem Schluck Instantkaffee hastig herunterspülte,
verließ mit dem Kranz in den Händen meine Wilmersdorfer Wohnung, stieg in den
Wagen. Ich fuhr Richtung Moabit, zum Grenzübergang Invalidenstrasse. Es war kurz
nach acht. Zehn Uhr musste ich auf dem Friedhof in Friedrichsfelde sein.
Der Tod meines Vaters zwang mich, auch über mein Leben nachzudenken. Sollte ich
wie er mein Privatleben aufgeben und es der Mission der Veredlung der Menschheit
opfern? Die Menschheit würde es mir kaum danken. Damals konnte ich noch nicht
ahnen, dass an jenem Tag mehr als ein lebloser Körper beerdigt wurde. Eine Idee
schritt ihrem Ende entgegen. Sie wurde mit Vaters Generation zu Grabe getragen.
Ihr hatte er sein ganzes Leben gewidmet und sie hatte auch mein Weltbild und
Handeln seit frühster Kindheit entscheidend geprägt.
Reise in die Hoffnung
Mit einem langen Pfiff kündigte die Lokomotive ihr Eintreffen auf der Station
an. Der Takt der rollenden Räder wurde immer langsamer und langsamer, bis der
Zug mit schrillem Quietschen hielt. Mein Vater öffnete mit sichtbarer
Kraftanstrengung die Verriegelung der Tür und schaute hinaus. Sonnenstrahlen
fielen in den halb düsteren Güterwagon, der ansonsten nur durch eine offene Luke
spärlich beleuchtet war. Sie trafen die Gesichter der auf Stroh und Decken
liegenden Menschen, die ihre Augen zukniffen oder mit der Hand das schmerzend
grelle Licht abwehrten.
Aus der Ferne ertönte eine blechern klingende Lautsprecheransage. Mein Vater
wiederholte den unverständlichen Namen der Station, so als wollte er den anderen
beweisen, wie gut er französisch konnte. »Der Zug soll hier eine längere Zeit
stehen bleiben. Kommt heraus an die frische Luft.« Neben mir, dem damals
vierjährigen Jungen, drängelten sich meine drei Schwestern an der offenen Tür:
die neunjährige Frida, die siebenjährige Rosette und die fünfjährige Rosa. Vater
kletterte vom Waggon. »Nicht springen«, ermahnte er die Kinder und hob sie
nacheinander herunter. »Geht Pipi machen.« Nach ihnen verließen zahlreiche
Reisende, Erwachsene und Kinder, den Waggon. Meine Stiefmutter Dora blieb auf
der Decke liegen. Sie hatte Kopfschmerzen.
Gleich neben dem Gleiskörper begann eine mit Butter- und Gänseblümchen übersäte
Wiese. Die drei Mädchen kauerten sich im Gras nieder; ich stellte mich
breitbeinig an einen Telegraphenmast. Nachdem sich alle erleichtert hatten
begannen die Mädchen Blumen zu pflücken.
»Passt auf, dass ihr euch nicht zu weit vom Waggon entfernt, sonst fährt der Zug
ohne euch weiter. Komm, schauen wir uns mal die Lokomotive an«, sagte Vater zu
mir. »Oh ja, Papa«, sagte ich begeistert.
Der Zug glich einem riesigen Tausendfüßler. Irgendwo in der Ferne verschwanden
im Dunst die ersten Waggons. Nur der Qualm verriet, dass sich dort die
Lokomotive befand.
Stolz marschierte ich an der Hand meines Vaters. In den offenen Türen der
Güterwaggons saßen fröhliche Menschen. Sie sangen Lieder in einer für mich
unverständlichen Sprache. »Es ist Polnisch«, erfuhr ich von meinem Vater, der
sich lächelnd einer sangesfreudigen Runde zuwandte. Andere ließen volle
Wodkaflaschen von Hand zu Hand kreisen. Sie riefen auch meinen Vater zum
Mittrinken auf. Aus einigen Waggons ertönten erhitzte Rufe von Kartenspielern.
Eine Frau mit weißer Rotkreuz-Haube teilte mit einer Schöpfkelle Tee aus. Vor
ihr hatte sich eine Schlange von meist ärmlich gekleideten Reisenden aus dem
Güterzug gebildet, mit Tassen, Kannen und Flaschen in den Händen. Auch mein
Vater stellte sich an und ließ sich die Thermosflasche mit Tee füllen. »Wann
gehen wir weiter«, quengelte ich.
Endlich erreichten wir das schwarze Ungetüm, das ächzend Qualm und Dampf
ausspuckte. Der stählerne Kraftprotz schien voller Ungeduld darauf zu warten,
mit seinen dampfangetriebenen Muskeln die Räder in Bewegung zu setzen. Aus dem
Fenster der Lokomotive schaute rußverschmiert der Lokführer.
»Schau dir diese Lokomotive genau an, mein Sohn. Sie fährt uns nach Polen, zum
besseren Leben, zum Sozialismus.« Doch was wusste ich damals, mit vier Jahren,
vom Sozialismus? Es war für mich nicht mehr als ein schwieriges, kaum
aussprechbares Wort. Ich stellte ihn mir so großartig vor, wie die
Dampflokomotive, die uns dahin bringen sollte.
Vor Glück strahlend, schritt ich Hand in Hand mit Vater zum Waggon zurück.
»Papa, hier in dem Waggon ist es nicht schön. Wenn ich mal groß bin, werde ich
Lokführer. Dann werde auch ich auf so einer großen Lokomotive die Menschen in
den Sozialismus fahren.« Vater lächelte. »Aber nein, mein Sohn. Wenn du groß
bist, dann sind wir doch schon längst im Sozialismus und auf dem Weg zum
Kommunismus.« »Gut Papa. Dann werde ich mit der Dampflokomotive die Menschen zum
Koo-mmu-nismus fahren.«
Polen, dessen war sich mein Vater Leon Berger sicher, sollte die letzte Station
seines ruhelosen Lebens werden. Vierundvierzig Jahre Wanderschaft waren genug.
In Polen hatte sie einst begonnen, als er 1904 in Warschau geboren wurde und den
Vornamen Leibusch erhielt. Er war der zweite aus einer Schar von zwölf Kindern,
mit denen seine streng gläubigen Eltern, Jossl und Ziwia Berger, die Welt noch
segnen sollten. Die meisten von ihnen wurden auf der langen Odyssee ihrer Eltern
geboren. Elias, Freidel, Leibusch, Lya und Liba kamen im heimatlichen Warschau
auf die Welt. Als begeisterten Zionisten zog es Jossl Berger von dort 1908 nach
Palästina. Schon sah er sich dort als Textilfabrikant und Besitzer großer
Ländereien, wegen seiner mildtätigen Gaben von allen Juden verehrt. Doch er
verlor sein ganzes Geld in riskanten Geschäften mit windigen Partnern. Nach zwei
erfolglosen Jahren im Land der Väter, das damals von Armut und dem Fehlen
jeglicher Annehmlichkeiten europäischer Zivilisation geprägt war, mit miserabler
medizinischer Versorgung für die Kinder, die von schweren Krankheiten geplagt
wurden, kehrte er niedergeschlagen nach Polen zurück. Als Trost schenkte ihm
seine Frau noch eine Tochter, Ida. Wenige Monate später floh er vor der Armut,
der religiöser Intoleranz und den Pogromen in seiner polnischen Heimat zu seinem
Bruder nach Belgien. Dort kamen Noemi, Chaya und Yizchok auf die Welt.
Kaum hatte sich mein Großvater Jossl Berger in Antwerpen als Diamantenhändler
etabliert, da brach der erste Weltkrieg aus. Die deutschen Truppen überschritten
die belgische Grenze. Die inzwischen elfköpfige Familie flüchtete über Holland
nach England. Schon nach kurzer Zeit gelang es Jossl Berger, mit Hilfe jüdischer
Flüchtlingshilfsorganisationen in der neuen Heimat als Diamantenhändler wieder
Fuß zu fassen und der Familie einen beachtlichen Wohlstand zu sichern. In der
pulsierenden Weltstadt London wurden Becky und Ephraim geboren. Bestrebt, sich
der modernen Welt anzupassen, anglisierten die Kinder und die Eltern alle ihre
jüdischen Vornamen. So hieß mein Großvater Jossl von nun an Josef und aus dem
Vornamen meines Vaters Leibusch wurde Leon.
Doch selbst die Verantwortung für die stolze Zahl von elf Kindern machte Josef
Berger nicht sesshaft. Ahasver, der ewige Jude, schien in ihn gefahren zu sein
und der trieb ihn rastlos über die Landkarte Europas.
Deutschland hatte nach dem ersten Weltkrieg unter den Juden Osteuropas einen
sehr guten Ruf genossen. Dort, so hörte man, würden die Juden als
gleichberechtigte Bürger geachtet. Kaiser Wilhelm hatte sich während des Krieges
in einer patriotischen Ansprache persönlich an die Juden gewandt und sie als
große Freunde Deutschlands bezeichnet. Zudem meinte jeder Ostjude, mit seinem
Jiddisch auch Deutsch sprechen zu können. Kein Wunder, wenn es auch Josef Berger
magnetisch nach Deutschland zog, vielleicht auch deshalb, weil ihn, als Besitzer
englischer Pfunde, die schwindelerregende Inflation des Jahres 1923 in
Deutschland zum Millionär machte. Das gab ihm den letzten Anstoß, seinem
Jugendtraum zu folgen und sich in dem Land Mendelssohns und Beethovens, Heines
und Goethes, Einsteins und Plancks niederzulassen. Er reiste voraus und ließ,
von märchenhaften Verdienstmöglichkeiten überzeugt, einige Wochen später die
ganze dreizehnköpfige Familie nachkommen. In Berlin kam Esther auf die Welt. Und
vielleicht wäre sie nicht der letzte Spross der kinderreichen Familie geblieben,
wenn Ziwia Berger, die beklagenswerte, ganz im Schatten ihres Mannes lebende
Mutter von zwölf Kindern, nicht im Jahre 1935 die Welt verlassen hätte. Ihre
Kinder konnten sich als Erwachsene nicht an Zeiten erinnern, in denen sie nicht
schwanger gewesen wäre. Und sie hätte die Arbeit mit den vielen Kindern kaum
bewältigen können, hätten nicht die ältesten Töchter für die Jüngeren die
Mutterrolle übernommen.
Das Diamantengeschäft lief in Josef Bergers neuer Wahlheimat sehr gut an. Seinem
vermeintlich untrüglichen Gespür folgend, fühlte er, dass er zur richtigen Zeit
am richtigen Ort war. Berlin schien damals die aufstrebende Kulturhauptstadt der
Welt zu sein, kosmopolitisch und, wie man heute sagen würde, multikulturell. Er
hatte das Gefühl, hier trotz seiner fremden Abstammung und Religion als Mensch
respektiert zu werden und meinte zudem, endlich das Tor zum wirtschaftlichen
Erfolg aufgestoßen zu haben, nach vielen Jahren rastlosen Suchens.
Doch der schöne Traum von einem reichen, aufgeklärten und judenfreundlichen
Deutschland entpuppte sich schon bald als ein böser Albtraum. Die Familie musste
abermals fliehen und zerstreute sich schließlich über Westeuropa, Nordamerika,
Palästina bis nach Südafrika. Je weiter weg von den germanischen Barbaren umso
sicherer glaubte man damals als Jude zu sein. Doch nur wenigen
Familienmitgliedern gelang die Flucht an einen wirklich sicheren, für die
deutschen Truppen unerreichbaren Ort. Die meisten, auch Josef Berger, überlebten
den Krieg in Frankreich, in ständiger Furcht vor ihren Verfolgern, die ihnen auf
den Fersen folgten: von Deutschland nach Belgien, von Belgien nach Frankreich,
und dort bis in die letzten Winkel der Provence. Doch auch auf der Flucht, in
Internierungslagern und Verstecken, verlor die Familie nicht ihren
Überlebenswillen. Vor der Selbstaufgabe bewahrte sie ihr verzweifelter Glaube an
den nahen Sieg der Gerechtigkeit.
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